Furchtlosigkeit ist kein Zeichen von Mut, sondern von Leichtsinn.
Zum Helden wird man erst, wenn man sich seinen Ängsten stellt, um sie zu überwinden. Hat man diese Kraft einmal aufgebracht, ist sogar das Scheitern irgendwo eine noble Sache. So oder so ähnlich haben wir jedenfalls immer gedacht, wenn der Weg von der Idee zur Verwirklichung der Hero Edition, #HIVHEROES, mal wieder besonders steinig zu werden drohte. Ihr, die ihr diese Ausgabe des VANGARDIST in euren Händen haltet, habt die Herausforderung angenommen. Ihr habt eure Ängste überwunden und mit dem Öffnen der Verpackung dieses Magazins ein Zeichen gesetzt. Bis es dazu überhaupt kommen konnte, gab es aber eine ganze Reihe von Leuten, die da nicht immer gleich so mutig waren…

 

MEETING MIT FOLGEN

 
Eine gute Idee ist eine Sache. Deren Umsetzung oft eine ganz andere. Raffaele Arturo, seines Zeichens ehemaliger Geschäftsführer von Publicis Austria und enger Vertrauter unseres Sales- und Marketing-Teams, kam vor einigen Monaten im Rahmen eines Meetings zum Thema Was zum Henker bringen wir anlässlich des Life Balls und Song Contests 2015? mit einer abenteuerlichen Idee um die Ecke: eine mit HIV-positivem Blut gedruckte VANGARDIST-Ausgabe. Abgefahren!Seine Eingebung kam aber nicht direkt von Apollos Marketing-Muse in seinem Kopf. Vielmehr hatte er sich an eine nie umgesetzte Kampagne aus seiner Zeit bei Publicis erinnert, die schon vor ein paar Jahren ebenfalls für den Life Ball angedacht gewesen und vermutlich aus einem simplen Grund nie Realität geworden war: Die Nummer war einfach zu wild. Jetzt ist es aber so, dass Wörter wie „abenteuerlich“ und „wild“ in unserem Herausgeber und Chef schnell mal so ein Kribbeln und Fingerjucken verursachen. Hatte man ihn während Raffaeles Ausführungen aufmerksam beobachtet, konnte man so ein zartes Leuchten um sein aufmerksames Gesicht beobachten.
 
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EINE DRASTISCHE KAMPAGNE

 
Das Konzept war einfach und stark: Um der zunehmenden Marginalisierung des HIV/AIDS-Diskurses zu begegnen, wollte man mit einer drastischen Kampagne auf nach wie vor weitverbreitete Vorurteile im gesellschaftlichen Umgang mit HIV-positiven Menschen aufmerksam machen. Die Hauptstoßrichtung galt dabei dem Phänomen der sozialen Ausgrenzung, welcher viele, die einen offenen Umgang mit ihrem positiven Status üben, ausgesetzt sind. Einfach, weil die Krankheit noch immer völlig irrationale Ängste vor einer möglichen Ansteckung provoziert. Und das, obwohl eine Infektion bei alltäglichem sozialem Kontakt völlig ausgeschlossen ist. Der Plan: Man sucht nach drei möglichst unterschiedlichen Menschen mit positivem HIV-Status, die sich bereit erklären, ihr Blut für eine gute Sache zu spenden. Dieses Blut, unter Laborbedingungen so behandelt, dass keinerlei Infektionsgefahr besteht, sollte dann der Druckerfarbe beigemischt werden, mit welcher man eine Anzeige machen wollte, die sinngemäß folgenden Wortlaut enthielt: This ad has been printed with HIV infected blood. HIV doesn’t make the news anymore. Now the issue is in your hands. Raffaele meinte weiter, die Verantwortlichen hätten das Konzept schlussendlich verworfen. Seither schlummere die Idee irgendwo im Kopf von Jason Romeyko, dem internationalen Creative Director der Werbeagentur Saatchi & Saatchi in Genf, welche wiederum eine Tochter der Publicis-Gruppe ist. Ob das nicht eine tolle Kampagne für VANGARDIST wäre?
 

FÜGUNG DES SCHICKSALS

 
War unser Chef schon bei der Schilderung der Idee recht hellhörig geworden, so ist ihm bei der Erwähnung des Namens Romeyko ein Grinsen übers Gesicht gehuscht. Jason war und ist nämlich – was für eine schöne Fügung – ein persönlicher Freund von VAN-GARDIST im Allgemeinen und von Julian und Carlos (dem Gründer- und Herausgeberteam unseres Magazins) im Speziellen. In einer Zeit, als die Karriereleitern noch nicht ganz so ambitioniert erklommen wurden, waren die beiden öfter bei Jason in Berlin zu Gast. Meistens, um zu feiern und nebenbei auf seine Katze – Bauer – aufzupassen, wenn er selbst mal wieder in der Weltgeschichte herumzugondeln hatte. Dazu muss erwähnt werden, dass Bau-er nicht irgendeine Katze ist, sondern eine Muse. In diesem Sinne kann man sagen, dass sie eine der drei wichtigsten Katzen der Welt ist – neben Socks, der ehemaligen First Cat der Clintons, und Karl Lagerfelds Choupette. Auch Bauer hat, wie ihre Kollegen, selbstverständlich ein eigenes Facebook-Profil.
 


 

LUNCH MIT SAATCHI & SAATCHI

 
Diese unverhoffte persönliche Verbindung bedeutete, dass man die Idee nicht mal klauen musste. Kurzerhand wurde zum Telefon gegriffen und ein glücklicher Jason Romeyko hatte auch schon zugesagt. Weil ihm diese Kampagne schon damals ein gewisses persönliches Anliegen gewesen war. Ein paar Wochen später saßen Jason Romeyko und seine Producerin Emma Jenkins mit uns beim Mittagessen in Wien. Noch bevor wir unsere Gäste betrunken und gefügig machen konn-ten, ja sogar bevor noch das Dessert serviert wurde (das außer Emma nur der Verfasser dieser Zeilen angerührt hatte, die Jungs schauen da viel zu sehr auf sich), war die ganze Sache schon auf Schiene. Saatchi & Saatchi würden uns alles, was sie dazu für uns hätten, zur Verfügung stellen.
 

RECHTLICHE GRAUZONEN

 
Ein paar Tage später lag dann, neben einigen anderen Dokumenten, auch ein Rechtsgutachten einer US-amerikanischen Anwaltskanzlei von 2011 auf dem Chefredakteurs-Schreibtisch, das anscheinend von T-Mobile in Auftrag gegeben worden war. In diesem Gut-achten sprachen die zuständigen Juristen die lapidare Empfehlung aus, das mit der HIV+-Anzeige lieber sein zu las-sen. Zu unvorhersehbar seien die Fol-gen. Wer weiß, wo diese Anzeige über-all landen könnte. Obwohl wir schon etwas erstaunt waren, wie kommentar-los dieses Dokument bei uns gelandet war und dass weder Jason noch sonst wer etwas Derartiges erwähnt hatten, wollten wir uns davon nicht beirren lassen. Ist ja nur eine Empfehlung, die waren sicher übervorsichtig, der da-malige Kunde war eben nicht Benet-ton, und außerdem war es bis jetzt zu einfach, um wahr zu sein, also schadet so ein kleiner Stein auf dem Weg nicht unbedingt. Und so weiter und so fort. Ganz ignorieren wollten wir das aber auch nicht. Und so hat Julian das Ami-Gutachten kurzerhand an Raffaele Arturos Bruder Claudio weitergeleitet, seines Zeichens Rechtsanwalt, Honorarkonsul der Republik San Marino in Wien und persönlicher Freund.
 

EXIL IN SAN MARINO

 
Der Plan dahinter war recht ausge-fuchst: Wenn seine Exzellenz der Ho-norarkonsul zu dem erwarteten Schluss kommen würde, dass unsere Vorgän-ger bei der Kampagne einfach Feiglin-ge waren und er uns grünes Anwalts-licht gäbe, dann hätte er – für den Fall, dass die Sache doch schiefginge – ein so schlechtes Gewissen, dass er der gesamten VANGARDIST-Redaktion Asyl in San Marino gewähren müsste. Leider scheiterte dieser Plan schon an der ersten Phase. Eine Woche später kam Raffaele mit schlechten Nachrich-ten von seinem Bruder ins Büro: Die Sache sei ausgesprochen heikel, schon allein weil unterschiedliche Staaten da unterschiedliche Gesetzeslagen hätten und die Kampagne ja international ge-dacht war. Ein Anruf bei Jason in Genf half da auch nicht weiter. Der meinte nämlich nur, dass diese Info nichts Neu-es sei und dass es damals die betrof-fene Druckerei war, die sich aufgrund des Gutachtens geweigert hätte, ihre Pressen mit HIV zu infizieren.
 

 

EINE KAMPAGNE WIRD GEBOREN

 
Angesichts einer solchen Sachlage waren wir tatsächlich kurz davor, kalte Füße zu bekommen, wie alle anderen auch. Aber dann kam uns plötzlich der rettende Gedanke: Das Hauptprob-lem, welches im Gutachten benannt wurde, war jenes, dass eine Anzeige, die in diversen Print-Massenmedien geschaltet würde, in ihrer Verbreitung völlig unkontrollierbar wäre. Wenn aber VANGARDIST als Magazin Trä-ger der Aktion sei, könne man eine li-mitierte Auflage drucken, die tatsäch-lich mit dem Blut versetzt wäre, und die übrigen Exemplare könnten ganz herkömmlicher Natur sein. Auf diese Weise hätten wir relative Kontrolle da-rüber, wo diese Hefte landen würden. Darüber hinaus wurde die Idee gebo-ren, die infizierten Ausgaben in eine Plastikhülle zu verpacken. Auf diese Art war man quasi vorgewarnt, und es würde eine aktive Entscheidung erfor-dern, die Verpackung zu öffnen und das Magazin zu berühren. Das Öffnen der Verpackung sollte ein Statement sein. Und das wurde im Endeffekt der Kern unserer Aktion: dass man seine Ängste überwinden musste, um die Ausgabe zu lesen. Die Kampagne #HIVHEROES war geboren.
 

DAS UNBEKANNTE RESTRISIKO

 
Der Plan mit der limitierten einge-schweißten Ausgabe, die von #HIV HEROES unterstützt werden sollte und den jeweiligen Empfänger zum be-wussten Akt des Öffnens und Berüh-rens auffordert, wurde mit der Bitte um ein zweites Gutachten noch mal in die diplomatische Vertretung von San Marino geschickt. Und diesmal war die Antwort – mit Einschränkung – positiv: Nach deutschem und österreichischem Recht wäre die Nummer kein Problem. Für den Rest der Welt wollte der Ho-norarkonsul aber nicht seine Hand ins Feuer legen. Da wir mittlerweile aber schon so viel vom Heldentum schwad-roniert hatten, wollten wir da jetzt nicht doch noch einknicken. Und so haben wir beschlossen, die Sache zu wagen. Komme, was wolle.
 

 

KEINE STANDARD OPERATING PROCEDURE

 
Unsere Risikobereitschaft war eine Sa-che. Jetzt ging es daran, andere von der Noblesse dieser Aktion zu über-zeugen. Da so etwas noch nie gemacht worden war, gab es auch keine Stan-dard Operating Procedure. Als Erstes musste ein Labor gefunden werden, das bereit und in der Lage war, das ge-spendete Blut so zu behandeln, dass die Sache ungefährlich war. Tatsächlich wollte sich erst niemand auf die Ge-schichte einlassen. Über einen alten Sandkastenfreund von Julian konnte dann schlussendlich aber doch Kon-takt zur Med-Uni Innsbruck hergestellt werden. Nach einigem Hin und Her hatten wir sie dann so weit: Die Tiroler würden das Blut abnehmen, pasteuri-sieren und es dann einer sogenannten Autoklavierung auf Sicherheitsstufe L3 unterziehen. Danach könne man das Blut theoretisch auch trinken, wurde uns versichert.
 

ALTE LIEBE ROSTET NICHT

 
Die zweite Hürde, die es zu nehmen galt, war, eine Druckerei zu finden, die das Blut in ihre Pressen lassen würde. Sämtliche großen Anbie-ter weigerten sich schlichtweg. Un-sere letzte Chance war die Donau Forum Druck, eine kleine Druckerei, die schon bei unserer ersten Print-Issue mit uns zusammengearbeitet hatte. Der Eigentümer hatte erst auch Beden-ken geäußert, weil er von seinen Mit-arbeitern nicht verlangen wollte, sich auf die Sache einzulassen. Er erklärte sich aber schließlich bereit, das Ganze n einer Nachtschicht höchstpersönlich zu übernehmen. Wir sind ihm für die-sen Heldenmut sehr dankbar.
 

SPENDER FINDEN

 
Die dritte und schwierigste Aufgabe war es schließlich, drei Menschen zu finden, die bereit waren, ihr HIV+ Blut für diese Aktion zu spenden. Erschwe-rend kam hinzu, dass die Kampag-ne ja nur dann wirklich Sinn machte, wenn es drei möglichst unterschiedli-che Personen waren, für die ein offe-ner Umgang mit ihrer Krankheit mit-unter auch schwierig war. Es sollten Menschen sein, die offensiv mit ihrem Status umgehen und der Welt zeigen, wie man das macht. Andererseits aber auch solche, die das eben nicht kön-nen und der Welt zeigen, warum das nach wie vor so ein Problem ist.
 

 

NACHTRAG

 
Wir schreiben den 9. April 2015. Un-sere Spender haben wir gefunden, sie werden morgen an der Med-Uni Linz ihr Blut zur Verfügung stellen. Wer sie sind und warum sie das tun, könnt ihr in dieser Ausgabe nachlesen. In vier Tagen gehen wir mit #HIVHEROES in den Druck. Der Chefredakteur sitzt aufgekratzt in seinem Büro. Ich tippe nebenan diese letzten Zeilen in mei-nen Computer. Wenn ihr diesen VAN-GARDIST in Händen haltet, werden wir schon wissen, ob wir erreicht haben, was wir wollten – oder ob die Höl-le über uns hereingebrochen ist. Wer weiß, vielleicht trifft ja auch beides zu. Man muss seine Ängste überwinden, um sich tapfer wähnen zu können. Al-les andere wäre ja purer Leichtsinn. So long…
 


TEXT: HENDRIK H.
FOTOS DRUCKEREI: DANIEL GOTTSCHLING
FOTO KATZE: JONATHAN TEO