Kunst zwischen Malerei, Fotografie und Musik: Interview mit Marie Theres Madani

Die junge Wiener Künstlerin Marie Theres Madani kombiniert Elemente aus Fotografie, Musik und Malerei und erschafft damit verträumte Gefühlswelten, die die schwer definierbare Grenze zwischen Abstraktion und Expression noch weiter verschwimmen lässt. Wir sind große Fans der Künstlerin und daher finden sich ausgewählte Artworks von Marie Theres Madani’s “Faces of Egon” -Reihe im Opener unserer brandneuen GET WILD-Issue. Wir haben ihr noch einige Fragen zu Selbst- & Fremdbild, Egon Schiele und ihrer künstlerischen Arbeit gestellt:

 

 

In deinem Projekt „Faces of Egon“ verschmelzen abstrakte Selbst- und Fremdwahrnehmung zu einer gefühlvollen Symbiose. Welchen Einfluss hatten deine eigenen Erfahrungen zu diesen Themen auf die Bilder?
 
Im Fokus der Serie steht das Selbstportrait, das wie ein Tagebuch des Künstlers seine Höhen und Tiefen, seine Ängste und Selbstzweifel festhält. Die Bilder des Künstlers Egon Schiele sind Inspiration und Konzept für meine eigenen Werke. Indem ich Schieles Selbstbild interpretiere wird es zu einem Fremdbild, zu einem Selbstbild und durch den Einfluss anderer wieder zu einem Fremdbild…

Schiele inszeniert sich in merkwürdiger Pose, gequält, gepeinigt oder aber wie ein Heiland und Retter. Verschiedene Züge und Posen werden angenommen, um sich im Lichte einer anderen Wahrnehmung zu betrachten und sich so selbst zu finden. Mit meinem Verständnis und meinen künstlerischen Möglichkeiten verändere ich das Bestehende. Ich lasse mein Selbst einfließen und verbinde mich damit mit Schieles Kunst in sehr intimer Weise. Auch im Social-Media Zeitalter geht es um die Frage der eigenen Positionierung im gesamten System. Problematisch ist jedoch, wenn sich die Selbstwahrnehmung in Luft auflöst und sich ausschließlich über fremde Meinungen definiert. Es scheint mir, als wäre ein „Ich denke also bin ich“ zu einem „Ich zeige mich, also bin ich“ geworden. Kein Ich ohne Bild von mir…

 

 

Bei dieser Reihe analysierst du die Selbstporträts eines männlichen Künstlers, um sie durch deine eigene Interpretation neu zu definieren. Lässt sich eine geschlechtliche Grenzüberschreitung in deinen Bildern erkennen? Und existiert überhaupt eine geschlechtliche Trennung in deiner Kunst?
 
Tatsächlich hat sich mir die Frage nie gestellt. Ich habe mich mit den Selbstporträts des Menschen Schiele befasst. Die Person des Künstlers fasziniert und lädt zur Analyse ein – nicht seine Zugehörigkeit zu einer vordefinierten Gruppe. Faces of Egon war meine erste figurative Portraitreihe. Wer meine Arbeiten kennt, der weiß, dass ich mich im Abstrakten ausdrücke. Gegenstandslose Kunst verlangt nicht nach Trennung und Grenzen. Mit meiner Kunst darf ich Fragen stellen und den Betrachter einladen sich auf meine Bilder einzulassen. Die Antworten darf sich jeder selbst geben. 


 


Warum gerade Egon Schiele? Was hat dich so an ihm fasziniert?

 
Schiele hat einen greifbaren Strich; wenn ich diesen betrachte fühle ich mich seiner Kunst ganz nah und kann die Stimmung und Atmosphäre nachempfinden. Er schafft es eine Realität zu kreieren, in der ich mich wiederfinden kann. Es ist der intensive Ausdruck seiner Zeichnungen, der mich bewegt und fasziniert und dem ich mich nicht entziehen kann. In seinen Bildern sammeln sich zeitlos die Stile – Expressionismus verschmilzt mit überzeichneter, fast karikaturhafter Selbstdarstellung zu einem Bild, das seine intensive Botschaft mit feinem Strich vermittelt. Die Idee der Serie war Schieles Werk mit meinen eigenen Arbeiten in Einklang zu bringen – sein Strich soll aber sichtbar bleiben. Die Seele seines Selbstbildes bleibt erhalten, wird aber von einem neuen Blickwinkel und einer anderen Perspektive beleuchtet. Sein strukturloser Hintergrund wird zu meiner Leinwand, auf der ich mit ausdrucksstarken Farben, Grenzen zum Verschwimmen bringen kann.

 

 

Deine Werke agieren oftmals an der Schnittstelle verschiedenster Medien. Welche Möglichkeiten oder Schwierigkeiten entstehen dadurch?
 

Ich habe eigentlich mit der Fotografie begonnen. Eigentlich mit Musik. Eigentlich mit Tanz und eigentlich auch mit Malerei. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, mich künstlerisch und kreativ auszudrücken. So war das schon immer. In meinen Arbeiten verwende ich eigene fotografische Arbeiten und auf Papier gebrachte Farb – und Formkompositionen, die in einem digitalen Prozess zu einer Collage zusammengesetzt werden. Ich lege übereinander, untereinander, verändere, nehme auseinander und setze neu zusammen, bis das Bild meiner Vorstellung entspricht. Auch Musik fließt in meine Arbeit ein und holt den Betrachter beim Besuch einer Ausstellung auf einer weiteren Ebene ab. Indem ich mich fordere und mit verschiedenen Medien experimentiere, erschließen sich mir neue Blickwinkel und Perspektiven. 
Meine Arbeiten sind Collagen aus verschiedenen Medien. Meine künstlerische Botschaft erschöpft sich daher nicht an der Quantität von Farbe auf Leinwand, sondern entsteht aus einer Melange an Möglichkeiten. Einem oberflächlichen Betrachter, der nach centimeter-dicken Farbschichten sucht und das Gesamtkonzept vernachlässigt, dem erschließt sich meine Kunst möglicherweise nicht sofort. Das macht zuweilen die Kommunikation über den Wert meiner künstlerischen Arbeit schwierig….

 

 

Kannst du den Moment beschreiben, in dem die Entstehung einer neuen Arbeit beginnt? Und wie erkennst du, dass du mit einem Bild fertig bist?
 
Es beginnt mit dem Bild von einer Idee, einem Prickeln, einem Kribbeln. Vergleichbar mit einem Traum, der verblasst, wenn man zu intensiv darüber nachdenkt und sich zu erinnern versucht. Der Prozess verlangt, dass ich mich darauf einlasse. Und wenn ich es einfach geschehen lasse, dann verdichtet sich dieses Bild im Kopf. 
Die ausschließliche Beschäftigung mit einem Bild oder Projekt verstellt mir leicht die objektive Sicht. Ich sehe dann den Baum vor lauter Wald nicht mehr. Ich muss Zeit vergehen lassen, damit ich zurückkehren und fühlen kann ob ein Bild vollendet ist oder mehr Zuwendung benötigt. Manchmal gefällt mir das entstandene Werk dann gar nicht mehr, aber oft sehe ich mit dem nötigen Abstand, dass es gelungen ist.Nicht jede Arbeit wird ein Meisterwerk. Manchmal funktioniert eine Idee, manchmal eben nicht. Sich dessen bewusst zu sein, reduziert Druck und unnötige Selbstkritik und lässt Raum für die notwendige Inspiration und Kreativität. Dann beginnt man eben von neu.

 

 

In Marie Theres Madani’s Bildern findet sich neben all den starken Farben meist auch eine fragile Anmut. Es finden sich Formen der Verformung und Abstrahierung allzu ursprünglicher Gefühle. Wenn du noch mehr Infos zur Künstlerin möchtest, findest du sie hier:
HOMEPAGE / INSTAGRAM / FACEBOOK / marietheres.madani@gmail.com

 
Text: Christoph Huber
Fotos: Marie Theres Madani