Sei es im Christentum, im Islam oder im Judentum – in den Weltreligionen wird (wenn überhaupt) eine Beziehung zwischen Mann und Frau propagiert, daneben passiert relationship-mäßig recht wenig, erst recht nichts Sexuelles. Doch was geschieht, wenn man als schwuler Mann sonntags Vormittag in die Messe geht und Pfarrer, Priester und Co. über Sünden und den Verfall der Moral sprechen hört? Wir haben uns mal Gedanken darüber gemacht, wo die christliche Nächstenliebe dann doch endet.

Fangen wir mal vorne an: Was ist Religion überhaupt und kann man als Millennial heutzutage überhaupt mit dem Begriff (außerhalb des oft geschwänzten Religionsunterrichts) noch was anfangen? Es handelt sich hierbei um einen Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der individuelle Glaube an bestimmte transzendente – also übersinnliche – Kräfte ist. Laut dieser Definition hat Religiosität an sich ja erstmal wenig mit Predigten, heiligem komisch-riechendem Wasser oder dem Märchenbuch namens Bibel zu tun. Denn wenn man die religiöse Meinungsmaffia mal weglässt, bleibt das übrig, was es sein sollte: Ein individueller Glaube an etwas Größeres, Undefinierbares, was uns begleitet, beschützt und bestärkt (zumindest sollte es das).

 

 

GO HOLY OR GO HOME

 

Nach einer Studie des Pew Research Center stellten Christen im Jahr 2015 31,2 % der Weltbevölkerung dar – das sind etwa 2,3 Milliarden Menschen und die größte Religionsgruppe der Welt. Das Lehrbuch dieser Glaubensgemeinde stellt die Bibel dar bzw. das alte und das neue Testament. Dem alten Testament zufolge verbietet Gott dem Volk Israel verschiedene sexuelle Praktiken, darunter auch den Beischlaf von Männern mit Männern. Was für diese Handlungsweise angedroht wird, fragt ihr euch? Die Todesstrafe: „Lev 20,13: Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.

 

Analverkehr wird ebenfalls komplett abgelehnt: Lebensspendendes Sperma darf nicht vergeudet werden, heißt es dort, denn die patriarchalische Gesellschaftsstruktur, die religiöse Identität Israels und sein Fortbestand dürfen nicht bedroht werden. Da nur das männliche Sperma als lebenserzeugend galt, sei der Kontakt mit dem Samen eines anderen Mannes als oben genanntes Gräuel tabuisiert worden.

 

 

Im allgemeinen Judentum wird Homosexualität ebenfalls als Sünde verurteilt. Zur Ablehnung dessen werden zwei Begründungen genannt: I: Sexuelle Beziehungen zwischen Männern seien „widernatürlich”. Denn der intime Kontakt von Körperteilen, die aufgrund ihrer anatomischen Beschaffenheit nicht geeignet oder nicht für den Zweck der menschlichen Natur geschaffen sind, wird abgelehnt (Gen 2, 24). II: Homosexualität sei außerdem verwerflich, da sie die Praxis der Zeugung von Nachwuchs ausschließe und per se dem ersten Gebot der Bibel „Seid fruchtbar und vermehrt euch” (Gen 1, 28) widerspricht. Homosexualität ließe sich nämlich nicht mit der normalen und intakten Familie vereinbaren, denn als schwuler Mann verlasse man ja deshalb Frau und Kind. Weiters heißt es: „Wer die Zeugungspflicht nicht erfüllt, ist mit einem Mörder zu vergleichen. Denn es heißt: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden.” (Bereschit/Genesis 9, 6).

 

Im Islam äußert sich die schwule Ablehnung nochmal ein Stück härter (zumindest tut sie das heutzutage): Die konservative Auffassung des islamischen Rechts stuft homosexuellen Geschlechtsverkehr als Straftat ein, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt werden. Viele Rechtsschulen des Islam sind sich der Bestrafungen jedoch uneinig: Züchtigung (durch Auspeitschung) wird von den meisten vielerorts angewandt. Doch bei Ehebruch wartet für einen verheirateten „Täter” die Steinigung als Todesstrafe auf ihn. Unverheiratete Männer müssen mit Auspeitschungen oder der Verbannung auf ungewisse Zeit rechnen.

 

Interessanterweise ist die Toleranz gegenüber Homosexualität ein Phänomen der islamischen Neuzeit. In der arabisch-islamischen Kulturgeschichte zwischen 800 und 1800 gab es keine Spur von Homophobie. Es gab sogar etliche homoerotische Gedichte in der islamischen Literatur. Erst das Zeitalter der Kolonialisierung brachte den „Kampf gegen den unordentlichen Sex” in den Nahen Osten und somit entstand die prüde Tradition, die genau genommen gar keine Tradition ist, sondern ein missinterpretiertes Besiedelungs- und Übermittlungsphänomen.

 

 

JUST FOR THE KIDS

 

Bei den genannten Weltreligionen herrscht also gemeinsamer Konsens-Nonsense: Wie aus den Übermittlungen herauszulesen ist, ist Sexualität ausschließlich dafür da, Nachwuchs zu zeugen und jede andere abweichende sexuelle Handlung wird abgelehnt und bestraft. Diese Schriften, nach denen heutzutage noch gehandelt und gelebt wird, wurden vor tausenden von Jahren verfasst bzw. zusammengetragen, in denen von der unbefleckten Empfängnis und Menschen, die auf Wasser gehen können, zu lesen ist. Viele Kulturen berufen sich heute noch auf diese traditionellen Zeilen. Wie sind also die propagierte Nächstenliebe und das fünfte Gebot des alten Testaments „Du sollst nicht töten” überhaupt vereinbar und auf Homosexualität anwendbar?

 

Wenn wir uns an die anfangs erwähnte Definition von Religion erinnern, kann jeder für sich selbst entscheiden, woran geglaubt wird. Religiosität ist so divers wie die Menschen selbst und kann prinzipiell von allen anders ausgelegt und ausgelebt werden. Staatliche Strukturen schnüren hier jedoch ein Konzept von einem speziellen Glauben, das vielerorts gefährlich und tödlich eng geschnürt ist.

 

 

FAITH IN HUMANITY

 

Lassen sich Religion und Homosexualität also vereinen? Wenn nach den Traditionen gelebt wird, scheint man diese Frage mit Nein beantworten zu müssen, denn die alten Schriften lehnen diese Lebensweise komplett ab. Doch Religiosität ist (mittlerweile) mehr als eingestaubtes Gedankengut bzw. sollte es sein und dann kann die Frage (hoffentlich) mit einem lauten Ja beantwortet werden: Jeder muss eine Entscheidung für sich selbst treffen, woran wie in welchem Ausmaß geglaubt wird. Sind es Übermittlungen von früher, die älter (und gleichzeitig veralteter) nicht sein könnten und an deren Werten immer noch krampfhaft festgehalten wird? Oder sind es neuheitliche, selbst-bestimmte und -definierte Phänomene, Abbilder oder auch Menschen, die einem Kraft und Zuflucht gleichzeitig bieten? Die oben genannten Stellen aus Bibel und Koran sind uraltes Gedankengut, das sich leider bis in unsere heutige Gesellschaft gezogen hat und wonach nach wie vor gelebt und gehandelt wird. Es ist also allerhöchste Zeit für das nächste Revolutions-Testament und den Koran 2.0, um Werte neu zu schreiben und zu leben!

 

Text Michael Haller