Erst wenn auch der letzte Bauch gestählt, die letzte Brust vor Stolz strotzend, und auch der Letzte aus der „Norm“ fallende, schief angeschaut, beleidigt und diskriminiert wurde, dann werden Homosexuelle merken, dass „Straight Acting“ keinen Oscar garantiert, und „heterolike“ nichts erstrebenswertes ist.

Aber, was ist eigentlich die „Norm“? Und seit wann möchte der Homosexuelle an sich, also sowohl Mann als auch Frau, sich so sehr dieser Norm anpassen? Was treibt eine ganze Generation junger Menschen an, sich einem selbstauferlegten Diktat belangloser Mittelmäßigkeit zu unterwerfen? Warum sind Reihenhäuser plötzlich erstrebenswerter als reihenweise auf die Straße zu gehen? Wann zur Hölle haben Homosexuelle aufgehört sich füreinander einzusetzen, und angefangen, sich in kleinen Gruppen – „Keine Asiataen“, „Keine Tunten“, „Keine Glatzen“ – nebeneinander zu setzen?

Die „Norm“, das ist heterosexuell. Jedenfalls in den Augen vieler junger homosexueller Menschen. Die „Norm“, das ist Diskriminierung von Menschen, die irgendeiner Meinung nach, nicht dazu gehören. Die Norm, das ist: „Ich hab ja nichts gegen Tunten, aber vielleicht sollten sie darüber nachdenken, ob sie lieber Frauen wären?“

Versteh das nicht falsch: Es ist etwas ganz wunderbares, dass Homosexuelle weitgehend akzeptiert sind. Dass sie auch noch das „Bauchgefühl“ von Frau Merkel überstimmen, und irgendwann in Deutschland Kinder „richtig“ adoptieren dürfen. Dass es niemanden stört, wenn sie im Reihenhaus neben all den Anderen wohnen. Dafür gingen Menschen auf die Straße. Dafür haben sie gekämpft und gelitten, und mit kleinen Schritten am Ende tolle Dinge bewirkt.

Aber das ist ja nun auch kein Grund, sich auf irgendetwas, das fragiler als ein zugefrorener See bei -3 Grad ist, auszuruhen. Schwule und Lesben sind akzeptiert, solang sie nicht auffallen,  solange sie angepasst an die Masse sind? Warum passt sich die große Masse eigentlich nicht an die kleinen Besonderheiten an? Oder entwickelt sich ihr zuliebe ein wenig weiter? Wer braucht eigentlich eine Ehe nach heterosexuellem Vorbild?

Vermutlich weil man es nicht anders gelernt hat: Natürlich war das Leben als junger Mensch in einer mittleren oder kleinen Stadt einfacher, wenn man wusste, wie Anpassung geht.

Natürlich sehnen sich lesbische Mädchen, und schwule Jungs, und schwule Mädchen, und lesbische Jungs nach der „Zugehörigkeit zu allen Anderen“. Aber muss sich deshalb die homosexuelle Kultur (Ja, ich möchte das hier als Kultur bezeichnen) in ein heteronormatives Korsett zwängen? Hier zu eng, da zu streng?

All das führt am Ende nur dazu, dass selbst unter homosexuellen Menschen – von denen Offenheit und Toleranz erwartet wird, -Homo- und Transphobie weit verbreitet sind. Denn Menschen tendieren dazu, immer gleich das ganze Angebot der möglichen Eigenschaften zu assimilieren: Und das wiederum führt zu Spießigkeit und Verdrießlichkeit, zu Ausländerfeindlichkeit, und Angst vor ein paar Regenbogenfahnen und Federboas. Es führt zu Diskriminierung. Kann das jemand wollen? Wohl kaum.

Es geht immer um die Frage nach dem Respekt füreinander. Egal ob hetero-, homo-, bi-, trans-, intersexuell, asiatisch, europäisch, schwarz, weiß, dick, dünn….


Text: Stephan Otto