Rebirth Edition

Chapter 14: Was das Whatsapp-Video deiner Großmutter mit der Meinungsfreiheit zu tun hat

BLM, Coronaskepsis, Verschwörungstheorien und die Meinungsfreiheit: 2020 gab es einige hochpolitische Themen, die nicht nur uns alle betreffen, sondern auch einen Großteil der österreichischen Bevölkerung beeinflusst, berührt und zum Nachdenken gebracht haben. Doch wo bekommt man vertrauenswürdige Informationen her, wenn nicht aus dem Whatsapp-Video der Großtante? Wir haben uns dazu mit dem Gründer des Satire-Mediums „Die Tagespresse“ – Fritz Jergitsch – über Meinungsfreiheit, Fake News, Cancel Culture und den Sinn von Demokratie unterhalten.

Viele Menschen informieren sich nicht ordentlich oder wissen nicht, was vertrauenswürdige Quellen sind. Was müssten wir für eine bessere Zukunft verändern? Woran erkennt man eine vertrauenswürdige Quelle?

Ich empfinde es als Problem, dass wir sehr viele Informationen über Soziale Medien erhalten. Auf Social Media ist man sehr oft mit Fake News konfrontiert, weil die bei den Algorithmen besonders gut laufen. Das zweite Problem ist, dass dabei das kaputt gemacht wird, was eigentlich seriöse Medien machen sollten. Ein seriöses Medium berichtet nicht nur, sondern ordnet auch ein. Und bei Sozialen Medien erfolgt diese Einordnung nur noch nach den Gesetzen der Algorithmen. Also läuft ein Welpen-Foto auf dem ZiB-Account besser als die Nachricht über einen Korruptionsskandal. Das empfinde ich als problematisch. Was man dagegen tun sollte, ist auf jeden Fall Algorithmen gesetzlich zu regulieren. Zum anderen finde ich es aber auch wichtig, die Verantwortung des Individuums zu betonen. An Schulen sollte es Pflicht sein, Medien- und Quellenkritik zu unterrichten. Wobei ich schon sagen muss, dass die Personen, die mir Fake News senden, eher die Großtanten auf Whatsapp sind. Ich habe das Gefühl, dass die jüngeren Menschen deutlich kritischer in ihrem Medienkonsum sind, als man es ihnen zutraut.

Wir stehen vor dem Phänomen, dass sich seit Corona Diskussionen im Privaten bilden, die man vorher nicht erwartet hätte. Auf einmal gibts Verwandte, die Verschwörungstheorien verbreiten. Wie geht man damit um?

Wir stecken einfach in einer Jahrhundert-Pandemie, das führt zu viel Verunsicherung. Verschwörungstheorien waren historisch gesehen immer dann am verbreitetsten, wenn auch die Unsicherheit groß war. Wie man damit umgehen soll, ist schwierig. Da steckt eher eine Emotion dahinter. Und Emotionen kann man nicht wirklich mit Fakten begegnen. Ich glaube, dass eine authentische und ehrliche Kommunikation vonseiten der Politik wichtig ist und die Politik einen anderen Umgang finden muss, um diese tiefsitzenden Emotionen, die in einer Pandemie entstehen, zu verstehen, und damit umzugehen.


“Die Meinungsfreiheit ist aber nichts anderes, als dass ich für meine Meinung nicht von einer Regierung verfolgt werde. Nicht mehr und nicht weniger.”


Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit werden immer wieder auch diskriminierende Inhalte verbreitet. Sollte man diese „freedom of speech“ eingrenzen, und wenn ja, wie?

Ich habe das Gefühl, dass das Wort „Meinungsfreiheit“ zu so einem Unwort geworden ist. Wenn jetzt zum Beispiel Trump einen Mob auf das Kapitol freilässt und dann auf Twitter gelöscht wird, dann heißt es, seine Meinungsfreiheit wurde beschnitten. Wenn der Aufruf zu einem Putsch keine Sperre von Twitter rechtfertigt, was dann? Ich finde es richtig, dass er gesperrt wurde aber ich finde es falsch, dass man sowas ohne jede Möglichkeit, Einsicht zu nehmen, ohne Transparenz, ohne Legitimation im Hinterzimmer entscheidet. Die Meinungsfreiheit ist aber nichts anderes, als dass ich für meine Meinung nicht von einer Regierung verfolgt werde. Nicht mehr und nicht weniger. Ich kann trotzdem jederzeit meine Social Media  Accounts verlieren, wenn ich zur Gewalt aufrufe, wie das Trump meiner Meinung nach eindeutig gemacht hat. Damit hängt ja auch irgendwie der Begriff Cancel Culture zusammen. Ich finde auch, dass Cancel Culture ist zu einem Unwort geworden ist. Prinzipiell ist es nicht so schlecht, dass man Leute zur Verantwortung zieht, wenn sie etwas sagen, was wirklich grob falsch ist. Ich finde aber auch, dass wir viel zu sensibel und gleichzeitig viel zu gnadenlos geworden sind. Man muss die Dinge, die gesagt werden, auch immer im Kontext der Zeit sehen und auch im Kontext der sozialen Normen, die zu dieser Zeit gegolten haben. Darum ist mein Zugang zu Cancel Culture eher der, dass ich versuche, den Leuten mit Fairness zu begegnen. Etwas, das vor zehn Jahren normal war, ist vielleicht heute nicht mehr normal.

Die Grenzen zwischen konstruktiver Kritik und Hate Speech scheinen oftmals zu verschwimmen. Hat die freie Rede Grenzen? Und was bedeutet das für Satire?

Wir kriegen ständig Kommentare von Leuten, die sagen, wir wären bei einem Thema zu weit gegangen. Wir haben einmal in der Adventszeit geschrieben: „Die WKO will selbstgebastelte Geschenke verbieten, weil sie dem Handel schaden.“ Harmlosester Artikel überhaupt. Dachte ich. Wir kriegen einen Brief vom Inhaber eines Bastelgeschäfts in Wiener Neustadt, der uns wortwörtlich geschrieben hat: „Satire schön und gut, aber nicht gegen Bastelshops! Darüber kann ich nicht lachen.“ Das hätte ihm jetzt die Adventsstimmung versaut und wir sollen den Artikel sofort löschen. Das Beispiel zeigt einfach schön, dass die Grenzen bei Satire eigentlich sehr subjektiv sind. Wir persönlich haben natürlich unsere eigenen Grenzen und das ist unser Bauchgefühl. Wir wissen, wen wir warum kritisieren wollen und wir wissen für uns selbst, wann wir hinter einem Witz nicht mehr stehen können. Und das ist für uns auch das Wichtige. 


“[…] das ist natürlich auch Teil des Konzepts – dass wir Leute ein bisschen aufs Glatteis führen.”


Wir haben zuvor über die Vertrauenswürdigkeit von Quellen gesprochen: Viele Menschen glauben auf den ersten Blick den Tagespresse-Artikeln. Was sind da die Reaktionen?

Einmal haben wir geschrieben: „Die Wiener Linien erwischen den einmillionsten Schwarzfahrer und geben ihm zur Belohnung € 100.000.“ Die staatliche, chinesische Nachrichtenagentur Xinhua hat das übernommen und überall in ihre Medien hinausposaunt. Wir haben dann mehrere Dutzend chinesische Nachrichten und Artikel gefunden, wo das berichtet wurde und China ist ein riesen Land – wer weiß, wie viele Millionen Chines:innen bis heute glauben, dass man in Wien belohnt wird, wenn man schwarzfährt. Das ist damals unter dem Radar geblieben, aber viele chinesisch-stämmige Österreicher:innen haben uns das geschickt. Solche Sachen sind in ähnlicher Form immer wieder passiert. Und das ist natürlich auch Teil des Konzepts – dass wir Leute ein bisschen aufs Glatteis führen. Was uns dann aber doch noch von politischer Propaganda unterscheidet, sind halt die Inhalte, die wir schreiben. Wir würden jetzt nicht schreiben: „Caritas gibt Flüchtlingen gratis iPhones“, da ist dann halt für uns eine Grenze erreicht. Wir würden nichts machen, um gegen Minderheiten zu hetzen oder ähnliches.

Viele Medien haben sich auch über Donald Trump lustig gemacht. Seine diskriminierenden Inhalte wurden wieder und wieder reproduziert, ihm wurde eine große Bühne geboten. Ist das gut, jemandem wie Trump so viel Aufmerksamkeit zu schenken?

Ich glaube, es ist schon ein Problem, dass CNN 2015 jede von seinen Wahlreden live übertragen hat. Aber wir leben halt in einer kapitalistischen Medienwelt, und damit auch in einer Aufmerksamkeitsökonomie, wo der gewinnt, der die meisten Klicks bekommt. Und das war im Jahr 2016 ganz einfach Donald Trump. Die Grundstimmung in den USA hat er nicht verursacht. Dieser Rechtsruck ist etwas, das man fast in allen Staaten dieser Welt so in irgendeiner Form beobachten kann.

Hilft Humor, Krisenzeiten zu bewältigen? 

Naja auf Englisch sagt man ja, wenn man einen Witz über eine tragische Situation macht: „To make light on a bad situation.“ Satire ist eine psychohygienische Funktion. Humor hilft uns mit tragischen und schwierigen Situationen zurecht zu kommen und diese einzuordnen. Ich finde gerade in Zeiten von Corona ist es enorm wichtig, uns gegenseitig mit Humor die Angst vor dem Virus zu nehmen. Es hilft im Wahnsinn einen klaren Kopf zu bewahren. Humor hat eine Reihe von medizinisch messbaren Effekten auf unseren Körper. 

Gehört Satire damit auch für Sie zum Mittel für gesellschaftlichen Umbruch?

Für mich ist der Zugang zu meiner Arbeit eher so, dass ich in der Früh den Laptop aufklappe und versuche, einen lustigen Witz zu machen. Umbruch klingt so revolutionär. Ich glaube schon, dass wir eine progressive Kraft sind beziehungsweise das würde ich sehr hoffen. Satiriker:innen generell haben sicher einen Anteil an gesellschaftlichen Umbrüchen. 


“Dann kommt einfach das Militär und dreht das Internet ab und wir haben wieder eine Militärdiktatur.”


Im Zuge der vielen Diskussionen über die Meinungsfreiheit und deren Grenzen fällt auch oft das Wort Demokratie – was ist in einer Demokratie erlaubt, wie weit grenzt sie ein?  Bringt die Demokratie noch was?

Ich finde die Demokratie hat einen Zweck und der ist, dass wir uns nicht die Köpfe einschlagen, sondern dass wir friedlich abstimmen, wer die nächste Person an der Macht ist und ich finde, das macht die Demokratie schon gut. Wir sehen jetzt auch am Beispiel Myanmar, was passiert, wenn Demokratie nicht institutionalisiert ist. Dann kommt einfach das Militär und dreht das Internet ab und wir haben wieder eine Militärdiktatur. Demokratie sorgt dafür, dass die Macht friedlich weitergegeben wird und das funktioniert in Österreich sowie in der EU ganz gut. 

Was braucht es Ihrer Meinung nach für eine Umstrukturierung, eine „Rebirth“ der österreichischen Gesellschaft und Politik? 

Ich glaube, die erste Frage ist: Was wäre denn das Ziel einer solchen Rebirth? Was ist das, was wir hinter uns lassen wollen? Und wenn wir das mal definiert haben wäre es, denke ich, sehr viel einfacher, über den Weg dahin zu reden. Was ich generell ganz wichtig finde ist, dass wir eine Diskussionskultur pflegen und dass wir unsere demokratischen Institutionen schätzen. Und aufpassen, dass uns nicht das passiert, was der Orban in Ungarn gemacht hat – nämlich die Demokratie Schritt für Schritt abzuschaffen. Und ich denke auch, dass gesellschaftlicher Wandel, ganz egal in welche Richtung, viel leichter vonstatten geht, wenn wir eine starke Demokratie haben, in der sich der Volkswille in der Machtverteilung widerspiegelt.



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