Chapter 9: Rise Like A Phenix - Podcasterin Phenix über ihren Weg zur Frau, die sie immer sein wollte - VANGARDIST MAGAZINE

Chapter 9: Rise Like A Phenix – Podcasterin Phenix über ihren Weg zur Frau, die sie immer sein wollte

Der Phönix ist bekannt dafür, dass er aus seiner eigenen Asche aufersteht; er symbolisiert die Kraft, selbst in aussichtslosen Situationen weiterzumachen. Vermutlich hat die Trans-Aktivistin Phenix Kühnert deshalb ihren Namen in Anlehnung an das magische Wesen ausgesucht: Erst vor einigen Jahren outete sich die 25-jährige als Trans*Frau – heute zeigt sie ihr weibliches Gesicht mit Sätzen wie „This is not a Phase“ auf Instagram und bespricht Trans-Sein in ihrem Podcast „Freitagabend“. Wie hat sie die Angst vor ihrem Outing überwunden? Und: Wie fühlt es sich für Phenix an, endlich die Frau zu sein, die sie immer schon sein wollte?

Phenix, du hast dich bis vor einigen Jahren als vermeintlich schwuler Mann identifiziert. Jetzt weißt du: Du bist eine Trans*Frau. Kannst du uns von diesem Selbstfindungsprozess erzählen?

Ich habe es irgendwann einfach zugelassen. All diese Gefühle – was ich für ein Mensch bin und welcher ich sein möchte – habe ich mir einfach eingestanden. Das fing erst mal im Kleinen mit meinem Styling an: Ich habe mehr Make-up und längere Haare getragen, mir die Nägel lackiert. Dinge, die selbstverständlich Menschen jeden Geschlechts tragen können, waren für mich der Anfang. Jeder Schritt, den ich mehr in diese Richtung gegangen bin, hat sich richtig angefühlt. Letztendlich habe ich dann auch meinen Namen geändert und eine Hormontherapie begonnen. Heute bin ich der Mensch, der ich vorher immer nur dann war, wenn mich niemand gesehen hat.

Warum denkst du, hat es diese Zeit gebraucht, um deine wahre Identität zu finden?

Eigentlich versuche ich, das nicht zu hinterfragen. Ich finde, alles passiert zu seiner Zeit. Für mich und mein Leben war es genau richtig. Wenn ich nach Gründen suchen müsste, dann wären es mein Umfeld, die Medien und die Gesellschaft. Ich hatte weder queere Vorbilder noch waren Trans-Personen „normal“. Alles, was ich über das Trans-Sein erfahren habe, waren total überspitzte, klischeehafte und auch falsche bzw. diskriminierende Aussagen: Eine Drag Queen ist zum Beispiel erstmal keine Trans*frau, sondern eine Bühnenfigur. Meine geschlechtliche Identität ist aber kein Alter-Ego, keine Figur oder ein Witz – das bin einfach ich.


“‘Schwul sein’ war in meiner damaligen Auffassung ja noch ok, aber trans? So wollte ich nicht sein”


So aufzuwachsen klingt wahnsinnig anstrengend und beängstigend – wo hast du denn Zuflucht gefunden?

Ich hatte schon ganz viel Angst und habe viele Tränen vergossen, als ich mir selbst eingestanden habe, trans zu sein. „Schwul sein“ war in meiner damaligen Auffassung ja noch ok, aber trans? So wollte ich nicht sein. Vor allem im Internet habe ich dann Menschen gefunden, die sich anscheinend genauso fühlten, wie ich. Das Internet ist natürlich auch ein diskriminierender und gefährlicher Ort, aber eben auch ein Ort für all jene von uns, die im echten Leben keine Antworten gefunden haben. Damals waren die Außenseiter:innen online die Coolen, weil die Coolen aus dem echten Leben nicht ins Internet flüchten mussten.

Was sollte sich deiner Meinung nach in unserer Gesellschaft ändern, damit es queere Menschen leichter haben?

Seid einfach alle lieb zueinander, hört euch gegenseitig zu – vor allem marginalisierten Gruppen! Wenn man Menschen auf ihre Privilegien hinweist, ist das kein Angriff. Und wenn ihr unsicher seid: Nutzt das Internet, bildet euch und haltet Menschen wie mir nicht vor, wie schwer political correctness ja sei und ihr nicht mehr wisst, was ihr noch sagen „dürft“. Guess what: Mein Weg war auch nicht leichter. Es ist kitschig, aber wir brauchen mehr Liebe und weniger Hass und Missgunst in unserer Welt. Und wer Hass verbreitet, soll meiner Meinung nach eine Psychotherapie anfangen. Denn ich denke, sowas verbreiten Menschen nur aus eigener Unsicherheit.


“Manchmal schaue ich mich im Spiegel an und kann es selbst gar nicht glauben.”


Dein Lebensweg war geprägt von vielen Unsicherheiten – umso inspirierender ist dein Name „Phenix“. Der lehnt sich ja nicht nur an deinen Deadname an, sondern symbolisiert auch eine Art Auferstehung aus der Asche. Fühlst du dich tatsächlich manchmal wie neu geboren? 

Neugeboren nicht ganz. Ich bin immer noch ich, nur souveräner, stärker und selbstbewusster. Und ich finde, ich sehe besser aus. Ich würde es eher beschreiben, wie ein Pokémon, das sich ein Level weiterentwickelt hat. Einfach eine echte, „bessere“ Version von mir selbst. Manchmal schaue ich mich im Spiegel an und kann es selbst gar nicht glauben. Oder merke, wie mich der Taxifahrer mit absoluter Selbstverständlichkeit als Frau anspricht. Genau dieses neue Lebensgefühl symbolisiert für mich die Phönix-Asche in der Metapher: Bevor ich mich weiblich präsentiert habe, fühlte sich alles nämlich grau an – grau und trist. In der Retrospektive weiß ich nun, dass ich viel mutiger hätte sein können. Ich hätte mich viel früher meiner Familie anvertrauen können. Rückblickend kann ich das nicht mehr ändern und das ist auch voll ok, aber vielleicht kann ich mit meiner Geschichte anderen etwas Mut mitgeben. 

Wie gehst du denn generell mit deiner Vergangenheit und deiner Zeit „vorher“ um? 

Ich bin ein Mensch, der immer eher nach vorn als nach hinten schaut. Ja, ich lebe heute anders als vor fünf Jahren, aber ich brauche mich nicht von dem Gedanken runterziehen lassen, was alles hätte sein können. Klar wäre es toll gewesen, keine männliche Pubertät durchlebt haben zu müssen. Klar wäre es toll gewesen, wenn ich schon als Teenager ganz offen ich gewesen wäre. Aber trans* zu sein ist kein Spaziergang: Damals war ich vielleicht noch gar nicht stark genug für diesen Weg. Letztendlich haben mich alle Erfahrungen zu dem Menschen geformt, der ich heute bin – und darauf bin ich stolz. Hinzu kommt, dass ich meine Transition in einem sehr jungen Alter begonnen habe. Ich habe doch noch das ganze Leben vor mir. Und auch, wenn Menschen erst mit über 50 die Kraft haben, den Weg zu gehen, ist nichts verloren. Alle sollten das so machen, wie sie möchten und können. 

Was würdest du denn den Menschen raten, die noch nicht den Mut und die Kraft aufbringen konnten, sich zu outen?

Einfach machen! Meiner Meinung nach muss man die eigene Komfortzone verlassen, um ein erfülltes Leben zu führen. Das Leben ist so kurz und wir werden alle nichts mehr bereuen, als die Dinge, die wir nicht gemacht haben. Natürlich setze ich gesunden Menschenverstand voraus – also sollte man den LSD-Trip doch eher hinten anstellen.

Photocredits: @thisisphenix

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