Die unsichtbaren Leidtragenden der Pandemie: Sexarbeiter_innen

Diesen Artikel solltest du lesen, wenn …

  • du Sexarbeiter_innen durch die Krise helfen möchtest.
  • du als Sexarbeiter_in tätig bist und finanzielle Hilfe benötigst.
  • du dich um die Leidtragenden der Pandemie sorgst, die nicht gesehen werden.
  • Was tun, wenn du auf Kund_innenkontakt angewiesen bist, aber niemand mehr zu dir kommen darf? Was, wenn du nicht auf staatliche Hilfsangebote zurückgreifen kannst, weil du die Bedingungen nicht erfüllst? Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, werden von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Da sie oftmals zusätzlich zu ihrer Tätigkeit zu marginalisierten Gruppen gehören, benötigen gerade sie unsere tatkräftige Unterstützung. So kannst auch du helfen …

    “Sexarbeiter_innen kommen oft bereits aus marginalisierten Gruppen der Gesellschaft und erfahren auch unter normalen Umständen soziale Exklusion. Sie sind Migrantinnen und Migranten, Transmenschen, geflüchtete Personen oder Menschen, deren unsicheres Einkommen die ganze Familie – teils auch im Ausland lebend – ernährt”, berichtet Trajche Janushev, Aktivist für die Rechte von (migrantischen) Sexarbeiter_innen bei Red Edition. Seit einem Monat läuft das Crowdfunding der Initiative mit dem Ziel, ein möglichst niedrigschwelliges finanzielles Hilfsangebot zu schaffen. Unter dem Link kann nach wie vor finanziell unterstützt werden.
     

    Rund 3000 Euro konnten so bisher gesammelt werden. Mit dem heutigen Tag beginnen die Aktivist_innen, Beträge zwischen 100 und 300 Euro an Sexarbeiter_innen auszuzahlen, die sich ganz unbürokratisch melden können. Es ist schwer zu erfassen, wie viele Menschen österreichweit in der Sexarbeit tätig sind. Die aktuellsten Zahlen (Oktober 2019) berichten von 3042 Frauen und 70 Männern, die als Sexarbeiter_innen in 352 Lokalen registriert sind – allein in Wien. Viele davon arbeiten als sogenannte Neue Selbständige, müssen sich selbst versichern und alle sechs Wochen zu einer Untersuchung. Bei den staatlichen Hilfsangeboten wie dem Härtefall-Fonds erfüllen Sexarbeiter_innen oft nicht die erforderlichen Bedingungen – vor allem, wenn sie in die Illegalität getrieben werden und ohne Aufenthaltserlaubnis oder Anmeldung arbeiten.

     

    Aktivist Trajche Janushev. Copyright: privat

     

    Die Beratungsstelle SOPHIE von der Volkshilfe Wien hat ebenfalls einen Spendenaufruf gestartet. Sie leisten derzeit akute humanitäre Hilfe und liefern Lebensmittelpakete an Menschen in Bordellen, die vom einen Tag auf den anderen ihre Erwerbsgrundlage verloren haben. “Eine Reihe von Sexarbeiter_innen wohnt auch in den Lokalen, in denen sie arbeiten. Manche von ihnen, beispielsweise Frauen aus Rumänien oder Ungarn, haben keinerlei Möglichkeit, in ihr Heimatland zurückzukehren”, so Eva van Rahden von der Beratungsstelle SOPHIE.

     

    Auf ihrer Website finden sich außerdem News- und Beratungsangebote für Sexarbeiter_innen in mehreren Sprachen.

     

    “Diese Pandemie zeigt auf, wie wichtig es ist, die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter_innen nochmal genau unter die Lupe zu nehmen und die prekäre Situation, in der sie sich befinden, anzuerkennen”, fasst Trajche Janushev zusammen. Alle Maßnahmen, die in Reaktion auf COVID-19 getroffen werden, müssen auch Sexarbeiter_innen bedenken, um schwerwiegende existenzielle Auswirkungen möglichst gering zu halten. “Diese unvorhersehbare Krise ruft uns alle dazu auf, ein respektvolles Miteinander in allen Sektoren der Gesellschaft zu etablieren und auch die einzubinden, die tagtäglich am meisten marginalisiert werden.”

     

    Weitere Artikel aus der Serie “Die unsichtbaren Leidtragenden der Pandemie”:

    Obdachlose Menschen
     
    Opfer häuslicher Gewalt

     

    Text: Sandro Nicolussi
    Header: Trajche Janushev